Inspiration

 

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.die Reihenfolge….

Ja, es sind 13 Bereiche….an denen will ich arbeiten“ sagte meine 16 Jährige Patientin zu mir und reichte mir mit völlig todernsten Blick eines ihrer allerheiligsten Tagebücher über (denn es gibt mehrere, die sind ganz bestimmten Lebensbereichen zugeordnet).

Zum mitlaufenden Verständnis: es handelt sich dabei um 13 Körperbereiche, deren „Abmessungen“ in Zentimetern meine junge Patientin akribisch und in mehr als regelmäßigen Abständen notiert. Selbstverständlich mit dem geklärten Ziel der Modifizierung Richtung „weniger“.

Ich nahm ihr Buch in die Hand und obwohl es mir sehr klar war, dass es ihr ernst ist, wollte ich es mir nicht entgehen lassen, sie genau das zu fragen:

Ist das dein Ernst?

Mhhmmm“ meinte sie.

Echt jetzt? Du willst sogar deinen Finger- und Halsumfang reduzieren?

Ja“ sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, als würde sie es gerade realisieren, dass das irgendwie nicht das ehrenwerteste Vorhaben eines Menschen sein dürfte.

Hör mal, welche Überlegung bringt dich dazu, dich selbst mich solchen Vorgaben zu geisseln?“

Naja,“ sagte sie mit gesenktem Blick… „Dann wäre ich halt attraktiver.

Für wen?

Für die anderen. Für die Typen in der Schule. Und für mich dann auch.

Ich bat sie zu mir aufzublicken und mir in die Augen zu sehen- es war Zeit für den tief durchdringenden Psychologen-Blick…

Du findest dich selbst erst dann attraktiv, wenn dich zuerst die anderen attraktiv finden? Ist das also deine Reihenfolge?“ fragte ich sie in einem ernsten Ton.

Ja. Zuerst muss ich nach Aussen, eben für die anderen attraktiv sein“ sagte sie zu mir mit diesem „Verstehen-Sie-es-doch-bitte-Bambi-Blick“. Und ich verstand…

Das ist aber eine verdammt schlechte Reihenfolge“ antwortete ich darauf.

Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit wir andere Menschen gern haben, bewundern und die Herausforderung annehmen können, ihnen zu gefallen. Es ist erstaunlich, wie schwer es uns manchmal fällt, dieselbe Liebe, Bewunderung und Akzeptanz für uns selbst aufzubringen.

Ich bin die begnadetste Hobby-Sternköchin, wenn ich für meine Freunde koche. Aber wenn es um mich selbst geht, reicht auch nur eine Tütensuppe.“ Weshalb eigentlich?

Der einzig stabile Mensch, mit dem wir immer zusammen bleiben werden und durch dick und dünn gehen, sind wir selbst. Wir nehmen uns überall mit hin und ein Entkommen ist unmöglich. Wenn ich auf mich sauer bin, ist es eher schwer zu sagen, ich verstecke mich jetzt im Bad vor mir selbst, denn- hupps, da bin ich ja auch, mit mir selbst. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, uns mit uns selbst zu versöhnen, uns selbst den Respekt zu geben,den wir anderen zuteil werden lassen und uns von anderen erhoffen.

Das heisst im praktischen Klartext, dass wir beginnen sollten uns selbst mit all unseren Fehlern, schlechten Tagen, selbsterklärten Macken als vollwertigen, schönen und guten Menschen zu akzeptieren. Dass wir beginnen sollten uns selbst gut zu behandeln, uns etwas Gutes zu tun. Dass wir lernen unsere Stärken in uns selbst zu sehen, bevor wir diese von anderen Mitmenschen erkannt oder bestätigt bekommen wollen.

Wir Menschen, wir sind nicht perfekt. Und das ist gut so. Wir sind in der Lage, die Schönheit in anderen Menschen und Dingen des Lebens zu sehen. Dann sollten wir auch unseren Blick für die eigene Schönheit -Innen wie Aussen- schärfen.